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Der Regenschirm

Ein Mann kommt zum Rabbiner.
„Rabbi, mich bedrückt etwas. Jemand hat mir gestohlen meinen schönen Regenschirm. Den mit dem wertvollen Goldknauf. Was mich aber viel mehr aufregt, als der Verlust ist: Ich kann den Gedanken nicht loswerden, dass es einer von der Misch-Poche war. Der Schwager, die Schwiegermutter, das Dienstmädchen, was weiß ich, womöglich gar der Vater oder Gottbehüte, mein eigener Bruder! Stell dir vor: ein Dieb mitten in der Familie!“

„Lass mich klären“, sagt der Rabbiner. Und nach einer Weile: „Hör gut zu Mendel. Lad ein die ganze Misch-Poche zu Kaffe und Kuchen. Den Schwager, die Schwiegermutter, das Dienstmädchen, was weiß ich, den Vater Gottbehüte und den Bruder. Und wenn getrunken ist der Kaffee und gegessen der Kuchen, holst du mit schöner Bedächtigkeit das Gute Buch von nebenan und zündest an die Kerzen. Dann, wieder mit schöner Bedächtigkeit, legst du es vor dich auf den Tisch, und mit schöner Stimme liest du ihnen vor die Zehn Gebote.

Und wenn du kommst zu dem Siebten Gebot: Du sollst nicht stehlen, blickst du zum ersten Mal auf von dem Buch und siehst dir an in der Runde die ganze Misch-Poche. So aus dem Augenwinkel, du verstehst. Den Schwager, die Schwiegermutter, das Dienstmädchen, was weiß ich, den Vater Gottbehüte und den Bruder. Und was wirst du bemerken, Mendel? Der Schuldige wird sich verraten. Geht mit Gott, Mendel, und kommt wieder, berichten.“

Schon zwei Tage später ist Mendel wieder da.
„Nu, was war?“, fragt ihn der Rabbi. „Was soll ich dir sagen Rebbe“, antwortet Mendel mit strahlendem Gesicht. „Es war - es war einfach großartig! Genau wie du mir hast vorausgesagt, Rebbe! Nach dem Kaffee und Kuchen hab ich angezündet die Kerzen, und mit schöner Stimme, so wahr mir Gott helfe, hab ich vorgelesen die Zehn Gebote. Dem Schwager, der Schwiegermutter, der Schickse, was weiß ich, dem Vater Gottbehüte und meinem Bruder. Und was soll ich dir sagen: Wie ich komme zu dem Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ – da ist mir eingefallen, wo ich hab stehen gelassen meinen Schirm!“